Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte

Der Physiker Emil Kowalski diskutiert in seinem Buch «Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte» die Annahme, dass Intelligenz, Ignoranz und Zufall zu unseren Gunsten zusammenspielen. Eine provokante These.
Ein Text von Hans Fischer, erschienen in «bonaLifestyle», Ausgabe 1/2018.

bonaLifestyle: Emil Kowalski, warum philosophiert ein promovierter Physiker über gesellschaftliche Fragen im Kontext von Dummheit respektive Intelligenz?
Emil Kowalski: Der Titel ist natürlich provokant. Ungeachtet der Marketingmechanismen des Buchhandels war es aber meine Absicht, ein seriöses Buch über die verborgenen Mechanismen unserer Wohlstandsgesellschaft zu verfassen, die eine hervorragende wirtschaftliche, soziale und technische Leistung ist.

Können hervorragende Leistungen denn auf Dummheit basieren?
Ich hätte auch die milder klingende Überschrift «Ignoranz. Eine Erfolgsgeschichte» wählen können. Sei’s drum: Wenn wir die Funktion aller Geräte, Softwareprogramme und Systeme unserer komplexen Zivilisation verstehen müssten, bevor wir sie bedienen könnten, so hätten wir es in der Entwicklungsgeschichte nicht viel weiter als vor die Höhle mit den bunten Zeichnungen an den Felswänden geschafft. Unser Fortschritt besteht letztlich darin, dass wir die Fähigkeit des Gebrauchs vom Wissen um die Funktionsweise entkoppelt haben. In diesem Sinne sind wir «dumm».

Die meisten Autofahrer kennen die Funktionsweise von Verbrennungsmotoren.
Die wenigsten Handy-User kennen aber das Innenleben von Smartphones. Und trotzdem können wir ohne dieses und ähnliche Geräte kaum mehr leben. Diese Entwicklung hin zur Entlastung des Denkens von unnötigem Ballast bei der Nutzung der Güter und Dienste nimmt stetig zu. Denn Letztere, die Güter und Dienstleistungen, erst ermöglichen uns das Leben in unserer durchorganisierten und technologiefokussierten Umgebung.

Man könnte also sagen: Intelligenz ist …
… die Fähigkeit, Dinge zu benutzen, die andere für uns ausgedacht haben. Oder anders ausgedrückt: Die wahre Intelligenz der Menschheit besteht in der Akzeptanz der Ignoranz. Und das ist nur ein anderer Ausdruck für die extreme Arbeitsteilung unserer Gesellschaft.

Um sich diese breite User-Ignoranz-Mentalität leisten zu können, braucht es eine stabile Wirtschaftsleistung.
Ja, technischer Fortschritt, weitgehende Freiheit und starke Volkswirtschaften sind Grundlage für die Beibehaltung oder gar den Ausbau unseres Wohlstandes und unserer Wohlfahrt. Ob das für immer so bleibt, wurde nicht nur von Stephen Hawking selig in Frage gestellt.

Eine Bedingung für den Fortbestand unseres gesellschaftlichen Erfolges wären somit intelligente Manager und Politiker?
Auf jeden Fall. Wie bei der Technologie ist es immer schwieriger, die Mechanismen von zunehmend komplexen Staats- und Regierungsgeschäften zu verstehen. Die Schere zwischen fähigen politischen Führungskräften und uns unwissenden Nutzniessern ihrer Entscheidungen öffnet sich auch hier immer mehr. Wie lange das «Erfolgsmodell» der User-Ignoranz Bestand haben wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Eine Nation auf der Basis von Twitter-Nachrichten zu führen, wird längerfristig jedoch sicher nicht erfolgreich sein.

Und was macht ein erfolgreiches Management nachhaltig?
Es braucht vor allem intelligentes Nutzen von sich bietenden Chancen. Wir haben über kreative Zufälle gesprochen. Diese müssen von Managerinnen und Managern erkannt und erfolgswirksam umgesetzt werden.


«Es braucht intelligentes Nutzen von sich bietenden Chancen.»
Emil Kowalski

Genügt das für die Fortsetzung von wirtschaftlichem Erfolg?
Einstein sagte mal, dass der Erfolg zu einem Prozent aus Inspiration und neunundneunzig Prozent aus Transpiration besteht. Es braucht beides: Kreativität, Bereitschaft, «dumme» Fragen zu stellen und konsequentes Ausarbeiten aller Details, wenn sich eine Innovation abzeichnet. Bisher war dem so. Die Entdeckungen einiger kreativer Glücklicher und das gewonnene, neue Wissen wurden stets der Allgemeinheit in bedienbarer Form zugänglich gemacht. Jede und jeder hat so zum kollektiven Wissen und dessen Etablierung beigetragen – ob Genie oder wir Durchschnittsmenschen. Und das seit Urzeiten, seit der Erfindung des Rades. So gesehen sind wir in der Tat als Gemeinschaft stark und intelligent. Auch wenn sowohl Stärke als auch Intelligenz individuell stark variieren.

Greift «seit Urzeiten» nicht allzu weit zurück?

Nun, das ist etwas gar plakativ ausgedrückt. Aber es war immer ein Kollektiv, ein Team, das eine individuelle Idee zur Nutzungsreife gebracht hat. Ich habe als Aphorismus formuliert, dass der Ursprung der menschlichen Intelligenz bei einem Affen zu finden ist, der zufällig über die Lösung eines Problems gegrübelt hat, statt seinen Urinstinkten zu folgen.

«Jede und jeder hat so zum kollektiven Wissen und dessen Etablierung beigetragen – ob Genie oder wir Durchschnittsmenschen.»
Emil Kowalski

Vom Ursprung zur Zukunft: Müsste nicht nach vollkommener Intelligenz gestrebt werden?
Sie sprechen zwei Komponenten an: Intelligenz und Vollkommenheit. Die Aufklärung hat versucht, alle Menschen zum Gebrauch ihrer Vernunft, ihrer Intelligenz zu bringen. Das hat uns den technisch-industriellen Fortschritt gebracht, aber keine moralische Vollkommenheit, keine «politische Weisheit». Das Suchen nach vollkommenen gesellschaftlichen Systemen – sprich Ideologien – hat bisher zu grossen Katastrophen geführt. Immer wenn man ein «vollkommen richtiges System» eingeführt hat, endete es im Terror, weil man dazu den «vollkommenen Menschen» nicht hatte und ihn erst zwangsweise «erziehen» zu müssen glaubte. Man denke an Stalins Sowjetunion, an den Nationalsozialismus oder an die chinesische Kulturrevolution vom Vorsitzenden Mao. Wir unvollkommenen Menschen brauchen eine Gesellschaft, die mit unserer Unvollkommenheit rechnet. Und die liberale Demokratie ist diesem Ideal am nächsten gekommen. Ich nannte sie «eine Utopie der Unvollkommenheit».

Emil Kowalski, Jahrgang 1937, ist promovierter Physiker und war in Schweizer Unternehmen in leitenden Funktionen tätig. Er wirkte in verschiedenen fachlichen und gesellschaftlichen Gremien mit und gehört zu den Gründungsaktionären der Solothurner bonainvest Holding AG.

Emil Kowalski:
Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte
Stuttgart: J.B. Metzler 2017, 177 Seiten, CHF 24.90
ISBN 978-3-476-04535-5